Ein Tag des Gedenkens

By | May 15, 2014

Hiroshimas Erbe:

Guten Tag an alle da Draußen!

Heute komme ich endlich auf Hiroshima zu sprechen, obwohl ich erst schlappe 3 Tage hier bin. Ich musste noch wichtige Einträge zu Kyoto verfassen und gestern war ich zu müde xD So wie das halt ist…Dann können wir schon anfangen, meint ihr nicht? Wird auf jeden Fall länger heute :P

8 Stunden Busfahrt

Von Kyoto aus ging es per Bus nach Hiroshima, was einfach mal so 8 Stunden braucht. Dafür zahlt man nur ein Drittel von dem, was man per Shinkansen auf den Tisch legen müsste. Außerdem sieht man so etwas mehr von Japan :kawaii: War mein erstes Mal mit diesem Unternehmen, aber hat alles geklappt und der Bus war pünktlich. Die Sitze waren vielleicht nicht so super bequem und auch die Beinfreiheit war gerade in meinem Fall etwas eingeschränkt. Ich darf aber nicht verschweigen, dass dieser Anbieter der billigste ist ;-) Wirklich meckern tue ich deswegen nicht! Gefühlt jede Stunde gab es dann 20 Minuten Pause, was ein wenig viel war. So scheint man es in Japan aber zu handhaben…Es sollte an dem Tag übrigens regnen, was es dann auch getan hat. Aber erst, als der Bus schon in den Bergen westliche von Osaka war. Leider hörte das Schmuddelwetter die gesamte Fahrt über nicht auf. Dafür sah man des Öfteren, wie die Wolken die Spitzen der grünen Berge verschleierten. Also ich mag den Anblick :heart: Allgemein war es eher eine Schlaffahrt xD Fast alle am Dösen…Hiroshima liegt dabei mehr so am westlichen Ende der Hauptinsel.

Als ich dann um 18:35 Uhr ankam, war es natürlich schon dunkel. Dazu die tief hängenden Wolken…Kein guter erster Eindruck :-( Ansonsten schwirrte mir im Kopf herum, wie klein das Areal rund um den Bahnhof war. Es leben zwar mehr als eine Million Menschen in Hiroshima, aber irgendwie ist der Bahnhof kaum größer als der von Kiel mit einem Drittel der Einwohnerzahl…Auf jeden Fall finde ich es total lustig, dass ich solche Gedanken habe. Immerhin komme ich aus so einem kleinen Nest und ja…Ich war wohl zu lange in Kyoto, dessen Bahnhof wirklich riesig ist. Ich weiß auch nicht…Es war zumindest nicht möglich, die Koffer trocken zum Hotel zu befördern. Ist aber nichts passiert :)

Park des Friedens

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Noch am selben Abend hörte der Regen auf, sodass der nächste Tag sogar richtig sommerlich war. Und wo geht man an seinem ersten Tag in Hiroshima hin? Richtig! Zum Park des Friedens, der neben dem weltberühmten Dom noch andere Denkmäler sowie ein Museum enthält. Hier in Hiroshima fahren noch immer Straßenbahnen, die eigentlich alle vom Hauptbahnhof ausgehend die ganze Stadt durchziehen. So darf selbstverständlich auch direkt vor dem Friedenspark eine Haltestelle nicht fehlen ;-) Und ja, dann ging es halt los…Ein ernster Tag, den ich vermutlich nie vergessen werde. Vermutlich jeder weiß über Hiroshima Bescheid und viele haben bestimmt auch schon ein Bild von der Ruine gesehen. Es ist wirklich etwas völlig Anderes, wenn man dann plötzlich direkt vor diesem Gebäude steht, dass vor annähernd 70 Jahren durch die erste jemals auf Menschen abgeworfene Atombombe zerstört wurde. Von Deutschland aus ist das eben am anderen Ende der Welt…Schwer zu beschreiben, was einem dann so durch den Kopf geht. Das heute als Genbaku oder A-Bomb Dome bekannte Gebäude wurde 1915 fertiggestellt und war so ziemlich das einzige, was so nah am Explosionszentrum noch stand. Es war anfangs nicht klar, ob es nicht doch abgerissen werden sollte. Mittlerweile ist der Dom sogar ein UNESCO-Weltkulturerbe. Ein wenig östlich in einer Seitenstraße findet sich übrigens eine Plakette, die den vermutlichen Abwurfort der Bombe markiert. Schon gruselig genau da zu stehen, wo vor 70 Jahren ein paar Hundert Meter in der Luft eine Atombombe explodiert ist, die bis Dezember 1945 140.000 Opfer forderte.

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Neben dem Dom gibt es im Park des Friedens noch viel mehr zu sehen; allgemein ist dem Gedenken an dieses schreckliche Ereignis eine sehr große Fläche gewidmet. Was kann man also außerdem besichtigen? Die sogenannte Hiroshima National Peace Memorial Hall, die den Opfern der Bomben auf Hiroshima und Nagasaki gleichermaßen gewidmet ist. Im Inneren kann man ein Panorama der zerstörten Stadt sehen, das aus der gleichen Anzahl Fliesen besteht, wie es Opfer in Hiroshima gab. Man kann auch durch ein digitales Archiv der Opfer stöbern oder sich drei kurze Geschichten in Form eines Filmes unter die Haut gehen lassen.

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Dann das Friedensmonument der Kinder, das auf die traurige Geschichte von Sasaki Sadako zurückgeht. Die Strahlung der Bombe abbekommen und erkrankt, faltete dieses kleine Mädchen Origami-Kraniche, weil sie glaubte, wenn sie 1000 Stück hätte, würde sie wieder gesund werden. Das Schicksal war nicht mit ihr und sie verstarb vor Erreichen der 1000 Kraniche. Irgendwie fingen dann Schulen in Hiroshima an, auch Kraniche zu falten. Mit der Zeit breitete sich dieses Phänomen auf ganz Japan, ja sogar die ganze Welt aus. So findet man immer wieder Origami-Kraniche in Hiroshima, die stellvertretend für Sadako allen Kindern gewidmet sind. Im Friedenspark gibt es eben ein eigenes Denkmal für diesen Zweck und dementsprechend viele Origami-Kraniche kann man dort sehen. Während meines Besuches hielt eine Schulklasse gerade eine solche Zeremonie ab und sang dann sogar ein Lied. Das hat mich irgendwie ziemlich gerührt… Origami mit Gesang für den Weltfrieden.

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Ähnlich funktioniert die die Friedensglocke, deren Klang Frieden auf Erden bringen soll. Diese kann – wie auch in manchen Tempeln bzw. Schreinen – von jedem geschlagen werden. Ich habe darauf jedoch verzichtet.

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Auf dem Weg zum Friedensgedächtnismuseum finden sich zu guter Letzt der/ das (?) Cenotaph sowie die Friedensflamme. Diese sind dabei in einer Linie zum Genbaku Dome ausgerichtet, sodass man eben durch den Cenotaph hindurch die Flamme und auch die Ruine sehen kann. Das finde ich ziemlich cool. Die Friedensflamme brennt durchgehend seit 1964 und wird erst gelöscht, wenn alle Atomwaffen vom Angesicht der Erde verschwunden sind. Dagegen kann der Cenotaph als die zentrale Gedenkstätte angesehen werden, weil genau davor jedes Jahr am 6. August (dem Jahrestag der Bombe) eine Zeremonie stattfindet, die mittlerweile 50.000 Menschen anzieht. Mit dem Schriftzug “Rest in Peace, for the error shall not be repeated” versehen, enthält diese Betonkonstruktion die Namen aller Opfer der Atombombe.

Friedensgedächtnismuseum Hiroshima

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Am südlichen Ende des Friedenspark befindet sich schließlich Friedensgedächtnismuseum, in dem im Prinzip Hiroshimas komplette Geschichte erzählt wird – inklusive der Atombombe versteht sich. Der Eintritt ist mit 50 Yen nur symbolisch, was ich total genial finde. Ein wenig versteckt gibt es im Erdgeschoss auch eine Uhr, die die Tage seit dem Fall der Bombe und seit dem letzten Atombombentest zählt. Wie so oft besteht die Möglichkeit, sich einen Audioguide auszuleihen und wie immer habe ich dieses nicht getan. Irgendwie bin ich der Meinung, dass die Ausstellungsstücke für sich ausreichen müssen, um die wichtigen Informationen zu übermitteln. Man erfährt also, was Hiroshimas Bedeutung vor und während des Krieges war und warum gerade hier die erste Atombombe benutzt wurde. Es steht geschrieben, dass die Zweite Generalarmee inklusive 40.000 Soldaten in Hiroshima stationiert war und dass die Amerikaner Japan so schnell wie möglich zur Kapitulation zwingen wollten, weil die UDSSR kurz vor Kriegseintritt stand. Über den ethischen Aspekt möchte ich mich an der Stelle aber nicht auslassen…Auch eine Nachbildung des Genbaku Doms ist vorhanden. Diese wird dabei von 600 Briefen verziert. Hö? Briefe? Seit Jahrzehnten schreibt der amtierende Bürgermeister Hiroshimas einen Brief an das Staatsoberhaupt, in dessen Land ein Atomwaffentest stattfand. Dort steht dann immer etwas in der Art von “Bitte stoppen Sie die Entwicklung von Atomwaffen. Wir in Hiroshima stehen in der Pflicht, eine Wiederholung unserer Erlebnisse zu verhindern”. Das Ganze natürlich sehr höflich. Ich glaube, dass viele diese Briefe gar nicht richtig wahrgenommen haben. Also ich finde das einfach total bewundernswert: Atomwaffentest in den USA und der Bürgermeister von Hiroshima schreibt einen Brief an Obama. Es gab auch Exemplare an Kim-Jong Un und vieele andere. Natürlich bringen die Briefe nichts, aber das macht das Ganze nur noch bewundernswerter, wie ich finde.

Ansonsten wird eben auf die Folgen der Atombombe auf die Stadt und die Menschen eingegangen, wobei es auch originale Ausstellungsstücke zu sehen gibt. Manche davon sind ein wenig verstörend…Und das kommt von mir, den eigentlich so schnell nichts aus der Bahn wirft. U.a. ein schwarzer Fleck auf einer Treppe. Ein in den Stein gebrannter Schatten eines Menschen, der dort am 6. August 1945 um 8:15 Uhr wartete. Oder ein total verkohlter Inhalt einer Bentobox. Oder nach innen gebogene Fensterläden aus Metall. Oder eine Kristallvase, die in Stein verwandelt wurde. Oder ein von schwarzem Regen verunstaltetes Hemd. Oder. Oder. Oder…

Das ist also ungefähr das, was einem hier in Hiroshima erwartet. Mich hat das, was ich hier gesehen habe, ein Stück verändert. “Davor” war mit die unglaubliche Zerstörungskraft der Atomwaffen zwar bewusst, aber erst der Kontakt mit wirklichen Opfern hat einem den Schrecken, der von diesen übermächtigen Dingen ausgeht, vor Augen geführt. Gegen Atomenergie bin ich nicht, aber Atomwaffen gehören nicht in die Hände von uns Menschen…Die Möglichkeit, so viele Menschen innerhalb eines Lichtblitzes auf einmal umbringen zu können…Dann die unfassbaren Folgen für die, die das Unglück haben, nicht sofort gestorben zu sein…Krebs, die ganzen Verbrennungen…Nie wieder sollte dieses auch nur irgendwo auf der Welt passieren.

Es waren übrigens richtig viele Schulklassen im Friedenspark unterwegs; von Grundschule bis Hochschule war alles dabei. Mit einem Besuch in einem KZ kann man das nicht vergleichen, weil in Hiroshima den Japanern etwas angetan wurde und in den KZs haben wir Deutschen anderen etwas angetan. Ich weiß natürlich auch nicht, was in den Geschichtsbüchern der Schulen geschrieben steht…Ansonsten würde ich diese Ausflüge als mehr als löblich bezeichnen.

Allgemein ist es aber ein wenig paradox: Während hier in Hiroshima überall Frieden angepriesen wird, hat es Japan in den bald 70 Jahren seit Kriegsende weder geschafft, sich vor allem bei China und Korea zu entschuldigen, noch offiziell den Krieg mit Russland zu beenden. Förmlich gibt es immer noch nur einen Waffenstillstand. Dann die Verehrung von Kriegsverbrechern im Yasukuni Schrein, die Diskussion um die Änderung eines Artikels der Verfassung, der Japan davon abhält, Angriffskriege zu führen, oder vor nicht allzu langer Zeit die Aussage, dass man in Japan nie den Kniefall von Willy Brandt nachahmen wird…Auf diese Weise macht man keinen Frieden, lieber Herr Shinzo Abe. Aber das nur am Rande.

Danke fürs Lesen meines kleinen Romans. Ist wirklich lang geworden, aber ich denke, dass es dieses Thema mehr als verdient hat. Man sieht sich zum nächsten Eintrag ;-)

Tobii~

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